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Mehr Geduld. Aber flott!


Mehr Geduld. Aber flott!

Karin Kreutzer


Mehr Geduld! Aber flott!
Über Veränderungen und das Jonglieren zwischen Loslassen, Ungeduld und Durchhaltevermögen

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Leseprobe

Veränderung ist in: Neue Wege beschreiten, umlernen und neue berufliche Herausforderungen sind an der Tagesordnung.

Veränderung fordert: Mut, Spontaneität, Durchhaltevermögen.

Veränderung ist ambivalent: Auf Hochgefühle folgen Zweifel. Ambivalenzen erkennen und mit ihnen umgehen können ist wichtig.

Veränderung ist Jonglieren: Je nach Situation zwischen Geduld und Ungeduld, zwischen Loslassen und Durchhalten.

Mehr Geduld! Aber flott! regt den Leser/die Leserin zum Reflektieren an. Zum Einnehmen und Hinterfragen verschiedener Sichtweisen. Zum Entwickeln von Durchhalte-Taktiken aber auch Loslass-Strategien. Und ermutigt, nach dem eigenen Erfolgs-Drehbuch zu leben.


Erscheinungstermin: Mai 2006 www.leykamverlag.at

Format 21 x 14,8 cm, 120 Seiten, Hardcover
€ 19,90
ISBN 3-7011-7539-X

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Mir fehlt die Geduld für die Geduld
(Miriam)

"Alles an Standing, das ich mir all die Jahre aufgebaut habe, schein ich mit meinem Wechsel verloren zu haben. Wenn mir Leute, mit denen ich früher in Projekten zusammengearbeitet habe, begegnen, muss ich mich ständig für mich und meine Entscheidung rechtfertigen. Und vor allem auch für die Abteilung. Was mir besonders widerstrebt, weil ich nicht Ombudsfrau für etwas sein kann, hinter dem ich selbst nicht wirklich stehe. Thomas ist total mit sich und seinen neuen Job beschäftigt. Und ich glaub, auch ziemlich überfordert. Aber wir spielen uns gegenseitig, die "alles im Griff"-Oper vor. Weil wir sind ja beide ach so stark und gut und so flexibel und anpassungsfähig, und was wir angreifen muss ja einfach rasch Erfolg werden. Und bis heute konnte ich dieses Spiel auch ganz gut spielen. Aber heute ist das Kartenhaus zusammengebrochen. In der Früh, beim Streiten mit Thomas der erste Teil und jetzt hier bei Euch der zweite Teil", liste ich ohne Luft zu holen in einer Wortwurst auf.
Ich spür, wie mir dabei zwei Tränen über die rechte Wange kullern. Ich wisch sie mir weg. Aber ohne Eile und nicht verstohlen. Und das Angenehme ist, dass ich mich nicht dafür geniere. Wäre es mir kurz vorhin noch unangenehm gewesen, die Heulsuse zu geben, so ist es mir jetzt egal. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber so einsam wie ich mich noch vor wenigen Minuten gefühlt habe, so heimelig fühle ich mich jetzt. So sehr ich Barbaras Nachfragen vorhin als inquisitorisches möchtegern-Elterngetue empfunden habe, so mütterlich-beruhigend finde ich nun ihre Anwesenheit. Vermittelt mir Vertrauen und den Mut raus zu lassen, was ich jetzt, was ich heute, was ich seit einiger Zeit so alles empfinde.
"Weißt du," fahre ich nach einer kurzen Lufthol-Pause fort und wische mir dabei nun auch eine Träne auf der linken Wange weg, "es ist ja auch so, dass ich für überhaupt nichts Nerven habe. Ich jammere zwar, dass mich der neue Job nicht fordert, aber andererseits erschöpft mich ohnedies alles. Nervt mich und macht mich fertig. Selbst wenn ich gutes Feedback bekomme, kann ich keine Energie daraus ziehen, sondern es setzt mich vielmehr noch zusätzlich unter Druck. Beispielsweise als mein neuer Chef unlängst zu mir sagte, wie froh er ist, mich im Team zu haben und dass ich frischen Wind reinbringe, da habe ich mich vielleicht eine Zehntelsekunde gefreut, aber den Rest des Tages damit verbracht, mich zu fragen "Oh Gott, was erwartet der sich von mir? Kann ich das überhaupt bringen? Wo ich doch auch nur einen 30-Stunden-Job habe."
Und wenn ich negatives Feedback bekomme, so wie zum Beispiel letzte Woche den Prüfungsfünfer, dann bin ich überhaupt komplett down. Ich meißle mir dann zwar immer flink eine Erklärung zurecht, die mich gut und die anderen schlecht dastehen lässt, aber dieser Reflex ist schlussendlich ja auch nicht wirklich aufbauend. Denn auch wenn ich andere gedanklich klein und schlecht mache, bedeutet das ja nicht automatisch, dass ich mich dann groß und gut fühle. Vor allem weiß ja der ehrliche Teil in mir, wann etwas nur eine Rechtfertigung und ungerecht ist. Wann ich eine Person ungerechtfertigt zum Sündenbock meiner Unzufriedenheit mache.
Des Pudels Kern liegt sicher darin, dass ich meine eigenen Leistungsansprüche halt einfach nicht erfülle. Nicht erfüllen kann. Ich mein, das ist ja nun an sich nichts aktuell Neues. Damit quäle ich mich ja schon mein ganzes Leben herum. Hab ja auch schon alles mögliche probiert, um relaxter und lockerer zu werden, wie du ja weißt. Von Yoga bis zur Shiatsu-Massage . Aber nichts hilft. Und meine Coaching-Session hat mich schlussendlich auch nicht verändert. Da war ich dann zwar flugs bestätigt in meiner Entscheidung "Studium beginnen - Job reduzieren". Und ich hatte gleich jede Menge Ideen und auch herrlich viel Energie für eine rasche Umsetzung. Aber nun zweifle ich auch schon wieder an der Richtigkeit eben dieser Entscheidung. Sicher, vielleicht sollte ich um mein Nervenkostüm zu ändern mal was länger ausprobieren. Nicht nur ein, zwei Mal hingehen. Aber das ist ja alles so zeit- und kostenintensiv. Rasch und dauerhaft hat mir nichts davon Gelassenheit gebracht. Und mir fehlt die Geduld, Geduld aufzubringen. Und es macht mir ein schlechtes Gewissen und mich erst recht ungeduldig, wenn ich höre, dass es prinzipiell rasch helfen soll. Oder mir Menschen sagen, wie schnell sie sich besser gefühlt haben, wie ihnen alles plötzlich leicht gefallen ist. Und ich da nicht mithalten kann."
Zum zweiten Mal unterbreche ich meinen Monolog für eine Atempause. Und diesmal hebe ich auch meinen Blick. Stütze meinen linken Arm auf, lege meine Kopf auf meine linke Hand und schaue Barbara an. Und gleichzeitig hoffe ich, dass sie meinen Blick nicht missversteht und sich genötigt fühlt etwas zu sagen. Ich möchte nämlich nicht das Barbara jetzt was sagt. Möchte jetzt einfach mal alles rauslassen, was in mir ist, und nichts reinfüllen. Komm mir irgendwie wie ein übervoller Krug mit zu dünnem Himbeerwasser vor. Der aber keinen Platz für einen noch so kleinen, noch so guten Spritzer Himbeersaft hat. Der erst was von dem Wasser-Sirup-Gemisch los werden muss, um wieder aufnahmebereit werden zu können.
Und Barbara scheint das gottlob intuitiv zu spüren. Denn sie sitzt ruhig da. Interessiert, aber ohne mit Mimik, Gestik oder verbal auf mich Druck auszuüben weiterzureden. Sie sagt auch nach einigen Sekunden nichts. Wird nicht unruhig oder zappelig. Und im Gegensatz zu vorhin ist diese Ruhe zwischen uns jetzt eine sehr angenehme, vertrauensvolle. Kein Nachfragen, keine Tipps, kein "jaja, ich weiß" und keine hochgezogene Augenbraue. Und ich genieße das Gefühl, dass sie mir vermittelt, dass es mir hier und jetzt ganz egal sein kann, was ich sage und wie lange ich rede, und dass es egal ist, wie spannend oder monoton oder wie abgedroschen oder neu das alles auch immer sein mag, was ich da so von mir gebe.


Hilfe - ich werde langsam!

(Thomas)

Ich bin vollkommen leer im Kopf. Ich hab null Idee, wie ich an den Fall rangehen soll. "Das darf es doch echt nicht geben. Jetzt reiß dich zusammen", schimpfe ich mich mit strengem Ton gedanklich selbst. Nervös schaue ich auf meine Uhr. Es ist schon 18 Uhr, ich sitze nun bereits seit 3 Stunden über dem Akt und verschiedensten Büchern. Und bin keinen Deut weiter. Lese unkonzentriert und muss daher immer wieder die gleichen Sätze wiederholen. Genauso unkonzentriert wie ich lese, so unkonzentriert diktiere ich auch in das Diktiergerät hinein. Immer wieder höre ich auf und muss das Band zurückspulen, um meine eigenen Worte anzuhören, weil ich sie während des Redens schon wieder vergessen habe. Und einige Male musste ich sie dann gleich abermals zurückspulen, weil ich nicht ordentlich zugehört habe. Aber nicht weil ich vielleicht gestört worden wäre oder weil mir grad die Geistesblitze nur so eingeschossen wären. Nein, schlicht, weil die Leere in meinem Kopf sich immer wieder Gelee-artig ausbreitet und auch meine Ohren erfasst, die dann damit nicht verstopft sind, also schon hören, aber doch nichts wirklich deutlich aufnehmen. Ist alles mehr so ein Rauschen in weiter Ferne. Das einzige, was ich nun seit Stunden in schöner Regelmäßigkeit deutlich wahrnehme, sind meine eigenen Ermahnungen: "Reiß dich zusammen. Mach schneller. Du bekommst ja gar nichts weiter. Konzentriere dich endlich. Komm mach, die Zeit rennt. So lange kann man doch nicht für so eine Sache brauchen - so lange darf man dafür gar nicht brauchen." Nervös wetze ich auf meinen Sessel von einer Arschbacke auf die andere. Setz mich mal aufrecht nach vorne an die Kante des Stuhls, dann rutsche ich wieder ganz nach hinten. Dann dreh ich den Stuhl nach rechts. Dann wieder nach links.
Merke gerade, das sich mein Hintern total heiß anfühlt. Und am liebsten würde ich jetzt aufstehen. Allein schon deshalb um ihn zu kühlen und dieses unangenehme Hitzegefühl loszuwerden. Wenn meine Stirn so glühen würde, hätte ich vermutlich 40 Grad Fieber. "Ich dachte immer, wenn man Feuer im Hintern hat, ist man schnell. Na, das widerlegst du aber gerade gehörig.", wird mein Ermahnungs-Repertoire wenigstens um einen neuen, sarkastischen Vorwurf erweitert. Und nein, ich gestatte mir das Aufstehen nicht. Da schätze ich die Gefahr, aus dem Arbeiten noch mehr rausgebracht zu werden, als viel zu groß ein.
Schwungvoll öffnet sich meine Büro-Türe. So schwungvoll, dass ich erschreckt zusammenzucke. Mein junger Konzipienten-Kollege Emil Bauer bewegt sich dynamisch auf mich zu. Und ruft mir - kaum dass er im Zimmer ist - ein "Du schaust nach einer Zigarettenpause aus, mein Lieber!" spitzbübisch entgegen. Ich gewöhne mich zwar schön langsam an die geänderte Infrastruktur in meinem Berufsleben und dass ich zur Zeit keine eigene Sekretärin vor meinem Zimmer habe, die mir hereinplatzende Störenfriede wie gerade eben Emil Bauer vom Halse halten kann, sondern nur eine Schreibkraft, die am anderen Ende des Büros sitzt. Aber gerade eben, wo ich eh so unter Zeitdruck stehe und meine ganze Konzentration brauche, nervt es mich besonders. "Ich rauche nicht Herr Kollege", sage ich deshalb auch besonders schroff und förmlich. Und ich weiß, dass die Arroganz, die in meiner Stimme mitschwingt, auch die Botschaft beinhaltet "Auch wenn es so Usus ist, dass alle Konzipienten per du sind, wir sind nicht gleich. Ich bin was Besseres." Und auch "Wie kommst du dazu mich so zu überfallen. Und überhaupt `dein Lieber´ bin ich noch lange nicht." Ist mir ganz bewusst. Will es mir gegenüber gar nicht als kollegial-passende Antwort und Selbstbehauptung rechtfertigen und schönreden. Nein, es war arrogant gemeint und es ist arrogant rübergekommen. Aber es ist mir auch egal, wie Emil Bauer jetzt meine Antwort wahrgenommen hat. Das ist ja schlussendlich sein Bier. Meins ist, dass ich nicht weiterkomme bei der Arbeit und er mich noch dazu unnötig aufhält. Auch wenn ich Emil Bauer grundsätzlich ganz sympathisch finde, und ihn für einen wirklich fähigen jungen Juristen halte. Halt noch ohne viel Berufs- und Lebenserfahrung. Aber rasch im Auffassen und Denken. Und ein kurzer Anflug von Panik überkommt mich. "Oh mein Gott, ich werde alt - ich kann nicht mehr mithalten - ich werde langsam." Und dadurch noch einen Schuss ungeduldiger geworden, würde ich Emil Bauer jetzt am liebsten aus meinem Zimmer werfen und mich im Eilzugstempo wieder meinem Akt zuwenden und ihn ganz, ganz rasch erledigen und am besten noch drei weitere gleichzeitig dazu. Aber ich mache nichts dergleichen. Schaue nur arrogant.
Emil Bauer scheint sich von meiner arroganten Art aber weder abwimmeln noch verstören zu lassen. "Naja, dann vielleicht eine kurze Kaffeepause?" wirft er schelmisch lachend zurück. Und ich ihm einen nicht mehr arroganten sondern angefressenen Blick zu. Der ihm jetzt scheinbar endlich klar macht, dass ich keine Zeit habe. Dass ich Wichtigeres zu tun habe, als mit ihm Kaffee zu trinken.
"Ich störe wohl gerade sehr.", hör ich ihn nun ernsthaft sagen. "Naja, dann sag ich´s lieber mal direkt raus. Ich häng da grad furchtbar an einer Sache und komm nicht weiter. Mein Chef hat mich grad aus seinem Zimmer geschmissen und gemeint, ich soll endlich mein Hirn einschalten. Und dass er nicht dazu da ist, mir Lösungen vorzukauen. Dann könnte er ja gleich selbst alles machen. Aber ich steh wirklich komplett an. Und die Zeit rennt mir davon. Und jetzt habe ich mir gedacht, dass du mir vielleicht helfen kannst. Zumindest wie ich es anlegen könnte. Du hast ja schon soviel Berufserfahrung und Kontakte. Und ich wollt das halt mal kurz erzählen. Darf ich kurz? Wirklich nur ganz kurz?" Fast als würde er sich genieren steht Emil Bauer jetzt da vor mir. Find ich irgendwie skurril. Vor allem, wenn ich mir grad vorhin gedacht habe, dass ich wohl bald nimmer mithalten kann mit dem jungen, hungrigen Nachwuchs. Und dann jammert mich ein Parade-Exemplar dieser Spezies an, dass er nicht weiterkommt und keine Ideen hat. Muss gestehen, ein gewisses Maß an Genugtuung zu empfinden. Mehr aus Eitelkeit denn aus echter Kollegialität bin ich daher nun auch bereit ihm mein Ohr zu leihen. Weil im Grunde ist es mir herzlich egal, ob Emil Bauer mit seinem Fall weiter kommt oder nicht. Eher ist es mir nicht wurst, wenn er dann dank meiner Hilfe mit der Lösung kanzleiintern auch noch punktet. Weil im Grunde sehe ich es wie Hans Maller, Senior-Partner in der Kanzlei und Chef von Emil Bauer: Selbst Hirn einschalten - uns wurde auch nichts geschenkt. Und ich lege mir dabei gedanklich noch ein Schäufelchen Selbstgefälligkeit nach. Vermutlich auch, um meine eigene Sorge, "überflügelt" zu werden, klein und ruhig zu halten. Mit einem "na, dann legen sie mal los, aber bitte echt rasch, weil ich bin selbst wirklich in einer dringenden Sache drin", dreh ich mich mit geschäftig-arroganter Miene zu Emil Bauer hin. Denn ich möchte nicht freundlich geduldig, sondern busy wirken.
Sichtlich erleichtert, dass ich ihm doch noch Aufmerksamkeit schenke, legt er auch in der Tat zügig los. Er hätte einen neuen Mietvertrag der Industrie-Kraft GmbH, einer der bedeutendsten Klienten der Kanzlei, vor sich. Die Miete über die gesamte Laufzeit würde vier Millionen Euro betragen. Entsprechend der notwendigen Vergebührung von 1 % würden dem Kunden also Gebühren von 40.000 Euro entstehen, wenn der Vertrag routinemäßig bearbeitet würde. Das hat er dem Kunden pflichtbewusst mitgeteilt. Aber der hätte das ganz und gar nicht einfach zur Kenntnis genommen, sondern nach möglichen Alternativen gefragt. Die ihm Bauer nicht sagen konnte, da er auf diesen Kundeneinwand überhaupt nicht vorbereitet war. Und er laut eigenen Angaben hektisch herumzustammeln begann und konzeptlos zu argumentieren, dass man halt gegen Gesetze nichts machen kann. Worauf der Rechtsabteilungsleiter des Kunden sehr ungehalten wurde und gemeint hätte, dass er sich von einer Top-Anwaltskanzlei schon erwartet, das sie ihm Kosten nicht nur mitteilen, sondern ihm auch Alternativen vorschlagen, um die Kosten gering zu halten. Und er entsprechende Vorschläge bis morgen bekommen möchte, weil er dann die Besprechung mit dem Vermieter habe. Anderenfalls wäre er längstens Kanzlei-Kunde gewesen. Diese Drohung versetzte Bauer laut seiner Schilderung in mittelschwere Panik. Und auch nach einer Stunde intensivem Nachdenkens sei ihm nicht wirklich etwas eingefallen. Außer in diesem Fall ausnahmsweise die eigenen Kanzleikosten zu reduzieren und so die Belastung für den Kunden geringer zu halten. Diesen Vorschlag wollte er natürlich mit seinem Chef abstimmen, was bei Hans Maller aber nur zu einem roten Kopf und einem Wutanfall geführt hätte. Tja, und als er jetzt eine Beruhigungszigarette in der Küche rauchen wollte, sei ich ihm eingefallen. Er hätte es zwar lieber so by-the-way bei einer gemeinsamen Zigarette diskutiert, um sich nicht gar als so unfähig zu outen. Aber seine Mutter hätte ihm mit auf den Weg gegeben: Zu stolz sein bringt nix! Lieber um Hilfe rufen, als im eigenen Stolz untergehen. Und mit dieser Lebensweisheit beendet Bauer seine Problemdarstellung. Er verstummt und schaut mich mit seinen zwei klaren blauen Augen leicht verzweifelt und gleichzeitig hoffnungsvoll an.
Ein angenehmes Gefühl durchfließt mich. Schon seit einigen Minuten. Seit ich gecheckt habe, worum es bei Bauers Sache geht. Die Quelle dieses Gefühls scheint in meinem Brustbein zu liegen. Füllt sich dort sprudlig an. Der restliche Körper wird dabei umso ruhiger. Es ist so ein Gefühl einer befriedigenden Selbstsicherheit, des "ich kenn mich aus - da liegt die Lösung doch glasklar auf der Hand." Kollegial und erstaunlicherweise nun ohne überhebliches Gefühl antworte ich Emil Bauer unverzüglich: "Ich tät den Vertrag nicht schriftlich schließen, sondern lediglich ein schriftliches Angebot der Industrie-Kraft GmbH vorsehen. Das kann der Vermieter durch Schlüsselübergabe annehmen, also ohne schriftliche Bestätigung. Oder, wenn ihnen das Spaß macht, sollen sich die Industrie-Kraft GmbH und der Vermieter den Vertrag gegenseitig vorlesen. Und den ganzen Vertragsabschluss auf Video aufzeichnen. Da fallen auch keine Gebühren an."
Emil Bauer ist klar erkennbar begeistert und dankbar dafür, dass mir so rasch eine Lösung für sein Problem eingefallen ist. Sein Gesicht hat wieder dieses spitzbübische Schauen aufgesetzt. Mit den Worten "Wow. Super. Sensationell. Herzlichen dank. Genau, diese zwei Sachen schlag ich gleich vor. So und dann will dich auch nimmer aufhalten. Und du hast echt was gut bei mir. Nicht zögern, wenn ich dir mal helfen kann, gell." verlässt er stürmisch mein Büro. So stürmisch, dass er gegen den Türstock rennt. Und sich bei diesem entschuldigt, in seiner Aufgeregtheit. "Slapstick live", denk ich und lache innerlich herzhaft, und ich merke, wie sich meine Mundwinkel nach oben bewegen und ich ihm schmunzelnd nachschaue. Komme gar nicht mehr dazu ihm die durchaus auch hilfreiche Lebensweisheit meiner Mutter mit auf dem Weg zu geben: "Gespräche mit Kunden und Chefs gut vorbereiten ist die halbe Miete."
Ich gestatte mir nun endlich aufzustehen. Po auskühlen und Füße vertreten. Bin froh, dass ich Emil Bauer angehört habe. Ihm nicht ungeduldig und entnervt gleich die Tür gewiesen habe. Obwohl mir ganz danach war. Und natürlich bin ich noch froher, dass ich so rasch und leicht eine Antwort für ihn hatte. Ja, sogar gleich zwei Varianten anbieten konnte. "Kannst also doch noch rasch denken", klopfe ich mir gedanklich auf die Schulter. Sehr erleichternd. Und diese Erleichterung bringt mir ein herrliches Gefühl der Sicherheit - und endlich auch wieder etwas Gelassenheit. Soviel Gelassenheit, dass ich mir sicher bin, dass ich morgen früh bestimmt die Lösung für meinen Fall ganz flott finden werde. "Und falls dir morgen dann doch wider Erwarten nicht gleich was einfällt, dann wirst ganz einfach gleich von Kollegen Bauers Angebot Gebrauch machen und seine externe Sicht und Lösungskompetenz zu deinem Fall mal checken", sage ich mir sozusagen als Sicherheitsgurt für meine Gelassenheit leise vor. Und ich beschließe, den heutigen Tag arbeitsmäßig zu beenden. Ich blicke auf die Uhranzeige in meinem Computer und stelle sehr erfreut fest, dass ich es sogar bis 20 Uhr zu Barbara schaffen werde. Mit der Überzeugung morgen voll neuer Zugänge und Ideen zu sein, und mit Emil Bauer als Alternative im Kopf, dreh ich meinen Computer sehr zufrieden ab.


Wie ist das bei Ihnen?
Denkanstösse für die eigene Reflexion:


Können Sie sich freuen, wenn etwas leicht geht? Oder können Sie erst genießen, wenn Sie sich geplagt haben?

Müssen Sie sich oft aus einem eigenen inneren Bedürfnis rechtfertigen? Oder fordert jemand von ihnen immer wieder Rechtfertigungen ein? Nervt Sie das oder ist es ihnen egal?

Kennen Sie ihre diversen Gefühlsregungen? Und können Sie sich die meisten davon eingestehen? Oder wollen Sie ihre Gefühle lieber gar nicht kennen und schon gar nicht alle wahrnehmen?

Wie reagieren Sie auf unangenehme Fragen? Wie halten Sie sich diese vom Hals? Und wie reagieren Sie auf Menschen, bei denen Sie merken, dass sie Zeitnot nur als Vorwand verwenden, um sich nicht mit Ihnen oder Ihrer Frage auseinander zu setzen?

Brauchen Sie viel oder wenig externe Aufmerksamkeit? Aufmerksamkeit von allen oder nur von bestimmten Mitmenschen?
Und nach welchen Kriterien dosieren Sie die Aufmerksamkeit und den Applaus, den Sie geben?

Ist Ihnen die Meinung, die Ihre Mitmenschen von Ihnen haben, wichtig? Wissen Sie, wie Sie von ihren Mitmenschen gesehen werden wollen? Und nach welchen Kriterien bilden Sie sich selbst Ihre Meinung über andere?

Fühlen Sie sich auch manchmal langsam? Oder immer schnell?

Von wem können Sie externen Input annehmen - wie muss diese Person zu ihnen stehen? Und wem können Sie neidlos und geduldig Input geben?

Wie reagieren Sie, wenn Sie unsicher sind? Und wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass jemand in ihrer Umgebung unsicher ist?